Interview mit Simultan-Übersetzerin Angelika Eberhardt

Angelika Eberhardt hat mit ihrem Team an unserer deutsch-französischen Podiumsdiskussion teilgenommen. Eine Besonderheit: Die gesamte Podiumsdiskussion wurde professionell simultan übersetzt.


Warum wollten Sie Dolmetscherin werden? Warum Französisch?
Am Anfang hatte ich durchaus die Vorstellung, einen wichtigen Beitrag zum Weltfrieden und zur Völkerverständigung zu leisten. Im Studium wurde mir dann aber sehr schnell klar, dass der Dolmetscher keine aktive Rolle als Kommunikationspartner spielt, sondern dass wirklich gutes Dolmetschen darin besteht, dass der Dolmetscher in die Haut der Gesprächspartner schlüpft und damit selbst fast unsichtbar wird. Einmal haben mir Kunden nach einem Verhandlungstermin gesagt, sie hätten sich zwischendrin gefragt, ob ich nicht von der Gegenseite bezahlt würde, weil ich auch deren Sache so überzeugend dargestellt hätte. Das empfinde ich als wirkliches Kompliment für meine Arbeit!
Was mich zutiefst begeistert, ist, dass dieser Beruf Kontakte und Austausch zwischen Menschen ermöglicht, die sich ansonsten einfach nicht verständigen könnten. Deshalb schlägt mein Dolmetscherherz höher, wenn nach einem deutschen Fachvortrag zum Thema Schleiftechnik ein Teilnehmer aufsteht, auf Französisch eine Frage zur Kristallgitterstruktur eines bestimmten Schleifmaterials stellt und sich daraufhin eine lebhafte Diskussion entwickelt.
 
Die Entscheidung für Französisch fiel damals als Bauchentscheidung. Welche Gründe im Einzelnen ausschlaggebend waren, weiß ich nicht (mehr). Nach wie vor spannend finde ich, wie ähnlich etwa Deutsche und Franzosen auf den ersten Blick wirken und wie groß mitunter die Unterschiede sind, die man auf den zweiten Blick entdeckt und beim Dolmetschen natürlich berücksichtigen muss.
 
2. Können Sie Ihre Karriere beschreiben?
Ich habe an der Universität Saarbrücken studiert und im Jahr 2000 meinen Abschluss als Diplom-Dolmetscherin abgelegt. Seitdem arbeite ich als freiberufliche Dolmetscherin, weshalb mir die Existenzgründer- und Selbständigenthemen – Verwaltung, Organisation, Steuerfragen, Kundenakquisition… – natürlich vertraut sind.
Ich hatte von Anfang an mehrere Standbeine und auch immer einen Plan B. Ich hatte schon im Studium viel übersetzt und konnte darauf beim Einstieg sehr gut aufbauen. Dann kamen nach und nach immer mehr Dolmetscheinsätze dazu. Ich arbeite zum Beispiel für Unternehmen, öffentlichen Dienst, internationale Organisationen, das Europäische Patentamt und Vereinigungen wie etwa die Wirtschaftsjunioren.
Seit 2005 organisiere ich auch Dolmetscherteams für internationale Veranstaltungen. Das fängt bei kleinen Teams mit zwei Dolmetschern in einer Dolmetschkabine an – wie bei der Wirtschaftsjunioren-Veranstaltung in Stuttgart. Mein bislang größtes Team umfasste 9 Dolmetschkabinen mit insgesamt 27 Dolmetschern.

3. Wie bereiten Sie sich vor? Sind Sie noch aufgeregt?
Ein bisschen Lampenfieber gehört für mich schon zu jedem Dolmetscheinsatz dazu. Das Adrenalin sorgt dann dafür, dass ich voll da bin und wirklich alles geben kann.

Die Vorbereitung macht einen ganz wesentlichen Teil meiner Arbeit aus. Zur Vorbereitung arbeite ich mich in die anstehenden Themen und die entsprechende Fachterminologie ein. Bei den meisten Veranstaltungen erhalten wir im Vorfeld in der Regel Präsentationen oder Redemanuskripte, die ich dann im Detail durcharbeite.
Bei der Diskussionsveranstaltung der Wirtschaftsjunioren hingegen war klar, dass die Podiumsteilnehmer keine Präsentationen halten, sondern frei sprechen werden. In so einem Fall befasse ich mich eingehend mit den Lebensläufen und den Tätigkeitsbereichen der Podiumsgäste, um dann Begriffe wie „CFK“ für „kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe“ in beiden Sprachen blitzschnell parat zu haben. Daneben widme ich mich zur Einstimmung dem Hintergrund der Veranstaltung, den Organisatoren (Wirtschaftsjunioren), den Gästen (z.B. Jeunes Chambres Economiques). Und wenn der Veranstalter, wie die Wirtschaftjunioren, im Vorfeld ein Briefing ermöglicht, dann rundet das die Vorbereitung natürlich sehr vorteilhaft ab.

4. Erlauben alle Kunden ein Vorgespräch?
Ob Vorgespräche angesetzt werden, hängt ganz von der Veranstaltung ab. In meiner Erfahrung sind sie bei Podiumsdiskussionen tendenziell häufiger als bei Präsentationsveranstaltungen. Aber ich hatte auch schon sehr ausgiebige Vorgespräche mit Pharma-Unternehmen, die im Vorfeld zur Einführungsveranstaltung für eine pharmazeutische Studie den Dolmetschern ihre Schwerpunkte ganz genau erläutern wollten.

5. Wo sitzen Sie während des Dolmetschens?
Am liebsten so, dass ich alles im Blick habe. Eine Aussage erhält ihren Sinn ja oft nicht alleine aus dem bloßen Wort, sondern aus der Kombination aus Wort und Außenkontext. Stellen Sie sich vor, ein Redner zeigt eine Folie mit einem Cartoon und stellt dazu lakonisch fest: „Damit wäre dann alles gesagt.“ Wenn da die Dolmetschkabine so steht, dass ich den Cartoon nicht sehen und damit den zugehörigen Text nicht dolmetschen kann, bleiben meine Zuhörer mit mir im Vakuum hängen. Oder noch ein Beispiel – der Satz: „Schalt mal die Birne an“. Dieser erhält seinen Sinn evtl. aus dem, was zuvor schon Thema war – oder aber aus einer Geste des Redners, mit der er auf eine Abrissbirne, eine Glühbirne oder eben seinen Kopf zeigt.

6. Wann wird ein Gast für Sie problematisch?
Beim Dolmetschen geht es für mich ja nicht nur darum, reinen Inhalt von einer Sprache in die andere zu übertragen, sondern man will vor allem die Redner authentisch „rüberbringen“ – als die Fachmänner/-frauen und Menschen, die sie sind. Dabei bewege ich mich in einem Spannungsfeld aus Sprache, Kultur und vor allem Zeit. Auf Seiten des Redners sind eventuell Wochen in den Vortrag investiert worden, und natürlich sind da seine Erfahrungen und sein ganzes, über Jahre erworbenes Wissen eingeflossen. Auf dieser Basis entwickelt der Redner Gedanken, reiht sie quasi als Gedankenkette aus Worten auf eine Rede-Schnur. Ich als Dolmetscherin habe Sekunden zur Verfügung, um einen Gedanken zu erfassen, zu analysieren, zu übertragen und dabei gegen den Kontext und das, was ich aus der Vorbereitung weiß, abzugleichen und gleichzeitig die Persönlichkeit und den Redestil des Redners mit einfließen zu lassen. Dabei kann ich jedoch nicht zu lange bei einem Gedanken verweilen, denn der Redner zieht ja schon den nächsten auf die Schnur.
Aber jetzt zurück zur Frage nach dem „problematisch“, die ich gerne von der anderen Seite angehen würde – nämlich der Annahme der perfekten Dolmetschsituation: Hier sind die akustischen Bedingungen einwandfrei (keine Interferenzen auf den Mikrofonen, keine Störgeräusche), der Redner hat den Dolmetschern relevantes Vorbereitungsmaterial zukommen lassen, erläutert alle Fakten glasklar, spricht seine Muttersprache in angemessenem Tempo und vollständigen Sätzen, unterstreicht seine Anliegen durch Betonungen. So in etwa sähe die perfekte Dolmetschsituation aus. Je weiter sich die Realität davon entfernt, umso problematischer wird es.
Bei der Veranstaltung der Wirtschaftsjunioren haben alle Redner frei gesprochen und waren ganz sie selbst – für mich eine sehr schöne Dolmetschsituation!

7. Erinnern Sie sich an eine Panne?
Ich bin ein Mensch, und es wäre ziemlich verfehlt, wenn ich gerade von mir behaupten wollte, dass mir keine Fehler unterlaufen – zumal bei Berufsprozessen, die in Sekundenbruchteilen ablaufen. Natürlich passieren auch mir im Eifer des Gefechts „Verhörer“ oder Versprecher, wie etwa „den Bock zum Mörder machen“ oder „und mit unserem ausgezeichneten Catering-Service ist natürlich auch für das weibliche Wohl gesorgt“. Häufig merkt man so etwas jedoch selbst in dem Moment, in dem man es ausgesprochen hat und kann sich noch korrigieren. Oder die Kabinenkollegen machen eine Notiz, mit der sie darauf hinweisen. Ernste Kommunikationsunfälle sind glücklicherweise bisher ausgeblieben.

8. Ist es wahr? Nicht alles wird gedolmetscht?
Dolmetschen ist kein bloßes Übertragen von einem Wort nach dem anderen. Wir Dolmetscher übertragen Inhalte, Stimmungen, Anliegen, Persönlichkeiten, Kulturen. Und das alles im besagten Spannungsfeld der Zeit. Bei sehr dichten und schnellen Rednern komme ich da mitunter gar nicht umhin, die Inhalte stark zu kondensieren und etwa rhetorische Schleifen oder Wiederholungen einzusparen. Andererseits muss ich teilweise auch Kulturspezifika wie etwa „Hartz IV“ für die ausländischen Teilnehmer erläutern, damit diese überhaupt verstehen können, worum es dem Redner geht.

9. Was hat Sie motiviert, an der deutsch-französischen Podiumsdiskussion der WJ Stuttgart teilzunehmen?
Nun, zunächst einmal arbeite ich ja selbst als freiberufliche Dolmetscherin. Alle behandelten Fragen und Themen waren und sind deshalb Gegenstand meines Berufslebens. Den Austausch mit anderen Selbständigen – und gerade grenzübergreifend – finde ich immer äußerst bereichernd. Was ich bei dieser Veranstaltung besonders spannend fand, war die Vielfalt der Menschen und Themen. Die Podiumsteilnehmer kamen nicht nur aus unterschiedlichen Ländern, sondern auch aus ganz unterschiedlichen Branchen und hatten jeweils ihren eigenen beruflichen Hintergrund und Werdegang.

10. Was war anders? (Im Vergleich zum normalen Business)
Aus der Sicht der Dolmetscherin: Eigentlich nichts. Was für mich als Dolmetscherin zählt, sind die Menschen, die sich bei einer Veranstaltung mit einem Kommunikationsanliegen zu Wort melden. Der Rahmen, in dem das stattfindet, spielt da eine sehr untergeordnete Rolle.
Persönlich fand ich es jedoch besonders schön, weil man merkte, wie viele Leute ihr ganzes Herzblut in diese Veranstaltung gelegt hatten. Dieses Engagement strahlte sehr warm auf den ganzen Rahmen aus – was für mich das Dolmetschen besonders schön macht.


Ansprechpartner:

Celine Gallois

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