International Business Series Belgien: „Belgier sind die tapfersten!?“

Marco Henry V. Neumueller

Vor dem Hintergrund der diesjährigen Welt-Konferenz (JCI World Congress) in Brüssel hat sich eine kleine Gruppe am Dienstag, 18.10.2011 im zweiten Stock der Amici Lounge in Stuttgart eingefunden um einem kurzweiligen Vortrag von Jan Offner über Belgien zu lauschen. Er leitet die Wirtschafts- und Handelsvertretung von Flandern, Brüssel und Wallonien und ist damit direkt an die Belgische Botschaft in Stuttgart angeschlossen.

Als Jan Offner seinen Vortrag mit den lateinischen Worten „gallia est omnis divisa in partes tres quarum unam incolunt belgae…“ aus „De Bello Gallico“ von Gaius Iulius Caesar begann, funkelten die Augen der ehemaligen Lateinschüler. Diese knappe ethnographische und geographische Beschreibung Galliens musste manch einer sogar auswendig lernen.

Die Pflichtlektüre des Lateinunterrichts enthält jedoch einen für Offner viel wichtigeren Satz:  „Horum omnium fortissimi sunt Belgae“ – „Von diesen allen sind die Belgier die tapfersten“. Aha, die Belgier sollen also besonders tapfer sein!? Die etwas irritierten Blicke der Zuhörer ließen vermuten, dass man diese Eigenschaft seither wohl noch nicht mit den Bewohnern Belgiens assoziierte. Doch an was denkt man eigentlich, wenn man von Belgien spricht? Hier gibt es durchaus Unterschiede, wie uns Jan Offner aufklärte.

Schokolade, Waffeln und Bier

Wenn ein Amerikaner auf Belgien angesprochen wird, antwortet dieser wohl wie aus der Pistole geschossen „Schokolade, Waffeln und Bier“, danach herrscht Schweigen. Beim Deutschen startet die Aufzählung zumeist erst mit einem längeren Schweigen, bevor er dann Begriffe wie „Pralinen, Brüssel, Europa“ findet und nach einer längeren Pause auch an „Bier“ denkt. Die Wahrnehmung Belgiens ist also offenbar in jedem Land eine andere.

Sowohl für die Amerikaner als auch für die Deutschen steht Belgien also eher für Pralinen und für – wie soll es anders sein – Bier. Führt man sich nun die konkreten Zahlen vor Augen, war man etwas irritiert, dass Pralinen lediglich 0,65% und das belgische Bier lediglich 0,78% Export-Anteil haben. Wir lernten, dass die Chemie mit 23% und die Kfz- und Automobilbranche mit 11% einen deutlich höheren Export-Anteil haben. Belgien ist also stets für Überraschungen gut.

Flämisch, Niederländisch und Französisch

Mit Überraschungen ging es weiter. Wir durften lernen, dass wer früher etwas werden wollte, die französische Sprache erlernen musste. Flämisch sprach man wohl lediglich im „Stall beim Vieh“. Für alle, die sich schon immer gefragt haben, was der Unterschied zwischen Flämisch und Niederländisch ist, hatte Offner auch hierfür eine recht simple Erklärung parat: Flämisch verhält sich zu Niederländisch wie American English zu British English.

Bei einem Vortrag über Belgien dürfen nüchterne Zahlen natürlich nicht fehlen. Belgien ist mit seinen 10,8 Millionen Einwohner nahezu genauso groß wie Baden-Württemberg. Auch das Bruttoinlandsprodukt von 352 Milliarden Euro gleicht dem von Baden-Württemberg (362 Milliarden Euro). Lediglich das jährliche Wachstum des BIP mit 5,25% in Baden-Württemberg ist gegenüber einem Wachstum von 2% in Belgien deutlich stärker. Wir waren kurz beruhigt, dass das „Musterländle“ wenigstens in einer Kenngröße noch die Nase vorne hat.

Brügge, das Venedig des Nordens

Es ging historisch weiter. Wir lernten einiges über die bedeutenden Städte Belgiens im Mittelalter. Wer hätte gedacht, dass im „Venedig des Nordens“ – wie Brügge liebevoll bezeichnet wird – die Börse ihren Namensursprung hatte. Die Bedeutung eines Marktes für Wertpapiere entstand erst zur Zeit des europäischen Frühkapitalismus im 16. Jahrhundert. Die in Brügge ansässige Kaufmannsfamilie „van der B(e)urse“, deren Familienname auf drei Geldbeutel in ihrem Wappen zurückgeht, unterhielt in ihrem Haus regelmäßig stattfindende geschäftliche Zusammenkünfte mit — vor allem italienischen — Kaufleuten. So ging das niederländische Wort borse vom Haus über auf die Treffen selbst und wurde in den darauffolgenden Jahren auch in anderen europäischen Sprachen übernommen.

Eine historische Kuriosität folgte der nächsten. Der in vielen Salatkreationen verwendete Chicoreé wurde Mitte des 19. Jahrhunderts in Belgien entdeckt. Es gibt verschiedene Geschichte, wie es dazu kam. In einer Version wird in Belgien ein Bezug zur Gründung des Königreiches Belgien im Jahr 1830 erwähnt: Um die zur Verwendung als Ersatzkaffee gezüchteten Zichorienwurzeln in den revolutionären Zeiten nicht zu verlieren, versteckten Bauern in Brabant diese Wurzeln durch das Abdecken mit Erde. Eher zufällig wurden dann die knackigen weißen Blätter entdeckt („weißes Laub“ – niederländisch wit loof, daraus witloof, die niederländische Bezeichnung).

Abschließend räumte Herr Offner dann doch noch ein, dass die Belgier vielleicht nicht die tapfersten sind, aber dennoch ein sehr kompromissbereites Volk. Alles andere hätte den Hardcore-Lateiner auch irritiert, zumal „Belgae“ hier nicht mit „Belgier“ hätte übersetzt werden dürfen, sondern mit „Belger“ - der Staat Belgien wurde nämlich erst Jahrhunderte später gegründet.
 

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Marco Henry V. Neumueller
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